1. Münchaus Affe

    Wolfgang Münchau drischt auf Spiegel Online auf die zu optimistischen Prognosen der Makro-Prognoseabteilungen ein und folgert:

    Wenn man die Prognosen durch eine Lotterie ersetzen oder einen Affen bitten würde, sich eine Zahl von minus fünf bis plus fünf auszusuchen, hätten man bessere Ergebnisse, weil man sich dann zumindest nicht immer in dieselbe Richtung irren würde.

    Äh, doch. Denn weiter oben schreibt Münchau über Griechenland:

    Bei Griechenland war die Prognose für 2011 plus 0,45 Prozent. Das Ergebnis war minus 7,1 Prozent. Für das Jahr 2012 war die Prognose plus 1,1 Prozent, das Ergebnis minus 6,9 Prozent. Für 2013 war der IWF richtig optimistisch mit seiner Prognose von plus 1,5 Prozent. Ergebnis: minus 3,9 Prozent.

    Das der Affe in Münchaus drei Beispielsjahren dreimal zu hoch getroffen hätte, ist wohl nicht unmöglich; zweimal hätte er es sogar tun müssen. Bei den meisten anderen Ländern und in den meisten anderen Zeiträumen hätte der Affe meistens darunter gelegen.

    Nun mag manch ein Leser das für Spitzfindigkeiten handeln, man müsse halt die Skala anpassen. Aber Münchau macht viel Aufhebens darum, dass die dummen Makro-Prognostiker dem Gleichgewichtsdenken verhaftet seien und deshalb systematisch falsch lägen. Sein Affe soll ein tolles Beispiel dafür sein, dass der Laie oder der unorthodoxe Denker es viel besser können und braucht dabei eben doch… eine Wahrscheinlichkeitsverteilung.

    Münchau fordert: “Schmeißt die Volkswirte raus und ersetzt sie durch interdisziplinäre Teams, die über den Tellerrand hinausdenken.” Nur wo sind deren systematisch bessere Prognosen bisher nachzulesen? In Münchaus Kommentar sucht man entsprechende Hinweise vergebens.

     
  2. Sam Harris: People who haven’t tried to meditate have very little sense that their minds are noisy at all. And when you tell them that they’re thinking every second of the day, it generally doesn’t mean anything to them. It certainly doesn’t strike most of them as pathological. When these people try to meditate, they have one of two reactions: Some are so restless and besieged by doubts that they can hardly attempt the exercise. “What am I doing sitting here with my eyes closed? What is the point of paying attention to the breath?” And, strangely, their resistance isn’t remotely interesting to them. They come away, after only a few minutes, thinking that the act of paying close attention to their experience is pointless.

    But then there are the people who have an epiphany similar to yours, where the unpleasant realization that their minds are lurching all over the place becomes a goad to further inquiry. Their inability to pay sustained attention—to anything—becomes interesting to them. And they recognize it as pathological, despite the fact that almost everyone is in the same condition.

    — Sam Harris, Taming the Mind - A Conversation with Dan Harris, April 12, 2014
     
  3. Warum die Caritas mehr Lohn zahlt bzw. warum sie damit aufhört

    Es gibt Auseinandersetzungen in der Caritas:

    Während für die evangelische Diakonie Auseinandersetzungen um Löhne keine Seltenheit sind, schafften es die Katholiken bisher immer noch, sich in den paritätisch besetzten Arbeitsrechtlichen Kommissionen (AK) auf relativ gute Gehälter zu einigen, verglichen mit dem, was private Anbieter zahlen. Die Mitarbeitervertreter der Caritas fürchten, dass es damit vorbei sein könnte – zumindest was die unteren Lohngruppen angeht.

    (Claudia Keller, Niedriglöhne in der Kirche, tagesspiegel vom 14.07.2014)

    Es gibt für das Verhalten der Caritas verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Eine ist, dass die Organisation aufgrund ihrer christlichen Sozial-Ethik immer höhere Löhne gezahlt hat und entweder verliert sie gerade ihre Ethik oder die Konkurrenz wird stärker (“Durch die Einführung von Kostenpauschalen und Marktmechanismen hat sich der Wettbewerb besonders im Bereich der Altenpflege enorm verschärft.”). Eine zynischere Variante dieses Arguments ist, dass das Alleinstellungsmerkmal der christlichen Organiationen nunmal das christliche Verhalten ist und deshalb musste die Caritas hohe Löhne zahlen.

    Das mag alles stimmen. Eine weitere Interpretation ist aber die Folgende.

    Angenommen, ich bin bereit für einen Betrag von 100 Karpatzeln im Monat in der Küche des städtischen Krankenhauses Kartoffeln zu schälen. Wenn die Stadt weniger bietet, schäle ich lieber in der Betriebskantine der Softwarefirma nebenan.

    Nun könnte ich alternativ in der Küche des Caritas-Krankenhauses Kartoffeln schälen, das zufälligerweise gleich weit von meinem Wohnsitz entfernt ist. Allerdings verlangt die Caritas von mir eine christliche Lebensgestaltung, die ich eher nervig finde. Beispielsweise muss ich kirchlich heiraten, obwohl ich das sonst nicht tun würde. Deshalb arbeite ich nur bei der Caritas, wenn sie mir 110 Karpatzel im Monat zahlt. Das wäre ein Entschädigungsargument. Eine alternative Variante beruht auf Knappheit: Es gibt nur eine bestimmte Anzahl an Arbeitnehmern, die überhaupt eine christliche Lebensgestaltung vorweisen können, weil die anderen bspw. schon eine Scheidung hinter sich haben.

    Nun haben die Gerichte in letzter Zeit ab und an gesagt, dass die kirchlichen Sozialverbände ihren Tendenzschutz nicht einfach für alle Beschäftigungs-Bereiche nutzen dürfen. Wenn ein Kartoffelschäler keine christliche Repräsentationsfunktion übernimmt, wäre es demnach nicht mehr so leicht, ihn rauszuschmeißen, weil er z.B. nach einer Scheidung wieder heiratet. Als Folge davon würden die Entschädigungs- oder Knappheitsprämien wegfallen. Und zwar vor allem in den unteren Lohngruppen, denn in den oberen Lohngruppen gibt es mehr Menschen, die Repräsentationsfunktionen der Kirche übernehmen (oder Menschen, bei denen die Kirche bzw. Caritas das eher behaupten kann).

    Die Implikation des Entschädigungsarguments wäre übrigens, dass die Arbeitnehmer zwar geringeren Lohn erhalten, es ihnen aber nicht schlechter geht. Die Implikation des Knappheitsarguments wäre, dass es den vormals bei der Caritas Arbeitenden wegen des geringeren Lohns schlechter geht, anderen Arbeitnehmern aber besser. (Aber wie gesagt, es gibt auch andere Interpretationen.)

     
  4. Wettbewerbsfähigkeitsverwirrung

    Internationaler Handel: Krugman ist der Experte dafür. Also wird er schon recht haben, wenn er schreibt:

    German labor is very expensive, even compared with the United States… Yet Germany is a very successful exporter all the same … by maintaining a reputation for very high-quality goods, year after year. If Germany seems remarkably competitive given its high costs, the United States is the reverse; our productivity is high, but we seem consistently bad at exporting — and have all my professional life.

    Ich versteh’s trotzdem nicht.

    Zunächst mal zitiert Krugman als Beleg dafür, dass Deutschland “teuer” ist, die Stundenlöhne in US-Dollar. Die zu Deutschland gegenteilige Situation sieht er in den vereinigten Staaten, in denen die Produktivität hoch sei. Nur: Woran sehe ich jetzt, dass Deutschlands Produktivität hoch oder niedrig ist? An der Tabelle zumindest nicht.

    Was mich zudem verwirrt: Wenn Deutschland so “competitive” ist, warum haben wir dann einen so hohen Außenhandelsüberschuss? Zur Erinnerung: Ein Außenhandelsüberschuss bedeutet einen Kapitalexport - also wird im Ausland angelegt statt im Inland.

    Vermutlich hab ich ein Brett vorm Kopf; für Erklärungen wäre ich dankbar.

     
  5. Dazu entdeckte man, dass die Vorgänger eine Bombe hinterlassen hatten, welche die Stadtfinanzen in die Luft zu sprengen drohte: den städtischen Energiekonzern RE, Reykjavik Energy. Dieser lieferte Strom und Wasser. Das hielt man eigentlich für ein sicheres Geschäft: Nirgendwo ist Energie so billig wie auf Island, dem Land der Vulkane. Hier muss Wasser für das Duschen mitunter heruntergekühlt werden.

    Tatsächlich hatte RE Ende der 90er-Jahre ein Problem: Es machte zu viel Profit. Die Stadt setzte zur Lösung ein Management mit Leistungsboni ein. Es leistete ganze Arbeit: Ein Jahrzehnt später hatte der Konzern 2 Milliarden Dollar Schulden.

    — Constantin Seibt: “Mehr Punk, weniger Hölle!”, Tagesanzeiger, 28.05.2014