1. Wer soll das ZDF kontrollieren?

    Süddeutsche Zeitung, “Der Siegeszug der niedrigen Quote”, 26. März 2014, S. 2:

    "Ähnlich rigide ist der Ausschluss von Parlamentariern und Regierungsvertretern von ‘staatsfernen’ Sitzen in den Aufsichtsratsgremien. Dort soll sich … eigentlich schon jetzt die gesellschaftliche Vielfalt abbilden. Ein Teil der Mitglieder wird deshalb von Verbänden und Interessengruppen entsandt, etwa von Gewerkschaften und Kirchen, Sportverbänden und Arbeitgebern, Bauern und Zeitungsverlegern. Hinzu kommen Vertreter ‘gesellschaftlich relevanter Bereich’, wie Wissenschaft und Kultur, Bildung und Verbraucherschutz. Sind sie wirklich staatsfern? Gerade diese letzte Gruppe dokumentiert den ungehemmten Zugriff der Politik. Fünf dieser sechzehn Garanten gesellschaftlicher Vielfalt sind aktive Parlamentarier - berufen von den Ministerpräsidenten. Sie werden den Rundfunkrat verlassen müssen.

    … Die Richter wollen … einen fundamentalen Kulturwandel durchsetzen (…): Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll zu dem werden, was er immer sein sollte: zu einer gesamtgesellschaftlichen Veranstaltung. Er soll den Politikern weggenommen und den Bürgern zurückgegeben werden.”

    Oha. Weg von den Politikern, hin zu den Bürgern?

    Wer sind denn diese Politiker? Vertreter der Bundes- und Landesregierungen und der Städte, Gemeinden und Landkreise. Und gewählte Parlamentarier. (Auch die Parteien entsenden ihre Mitglieder zumindest proportional zu ihrem Fraktions-Anteil im Parlament.) Im Urteil (wie ich es aus Sekundärquellen verstehe, eben der SZ und wikipedia) und den Kommentaren dazu werden Regierungen und Parlamente allerdings in einen Topf geworfen: Sie sind “staatsnah”.

    Ihnen gegenüber stehen in der Gewaltenteilung jetzt nur noch zwei Mächte: Erstens die Richter, die über allem thronend die Regelung erlassen haben, dass der “Anteil von Politikern und ‘staatsnahen Personen’ … von derzeit mehr als 40 Prozent auf ein Drittel reduziert werden" muss (iudex rechnet zwar nicht, kennt aber die Prozentsätze, ab denen es gefährlich wird) und zweitens die "Bürger".

    Wer sind diese Bürger? Vermutlich gibt es keinen Bürgerwillen, der irgendwie sinnvoll definiert werden könnte. Wahlen sollen möglichst nah rankommen, aber da Parteien und Parlamentarier eben selbst Interessen daran haben, wie Medien berichten, begnügt man sich in der Realität mit dem Kompromiss, noch einen Haufen Interessengruppenvertreter dazuzusetzen.

    Interessenkonflikte zu erkennen und die Notwendigkeit gegenseitiger Kontrolle anzuerkennen ist sinnvoll. Völlig absurd ist jedoch, daraus einen Gegensatz von Politikern und Bürgern zu konstruieren. Claudia Tieschky kommentiert in der Süddeutschen (S.4) noch, dass die “Richter zum ersten Mal die vielen Grauzonen in den Gremien hell machen. Dazu gehörte bisher, dass Gruppen wie Tierschutzvereine wundersamer Weise Leute mit Parteibuch in die Gremien schicken können.” Das klingt, als ob jeder, der ein Parteibuch hat, aus der jeweiligen Parteizentrale ferngesteuert wird. Und dass jemand, der kein Parteibuch hat, über den Dingen steht, neutral ist, eine unverzerrte Meinung hat. Diese Vorstellung ist gefährlich.

     
  2. I can feel it, too. Over the past few years I’ve had an uncomfortable sense that someone, or something, has been tinkering with my brain, remapping the neural circuitry, reprogramming the memory. My mind isn’t going—so far as I can tell—but it’s changing. I’m not thinking the way I used to think. I can feel it most strongly when I’m reading. Immersing myself in a book or a lengthy article used to be easy. My mind would get caught up in the narrative or the turns of the argument, and I’d spend hours strolling through long stretches of prose. That’s rarely the case anymore. Now my concentration often starts to drift after two or three pages. I get fidgety, lose the thread, begin looking for something else to do. I feel as if I’m always dragging my wayward brain back to the text. The deep reading that used to come naturally has become a struggle.
    — 

    Nicholas Carr, Is Google Making Us Stupid?, The Atlantic, Jul 1 2008

    Admittedly, that quote alone doesn’t say much. Read the article.

     
  3. Zopolan Smackdown Watch #1: Ukraine

    Sodenn. Ich geb’s zu und ich bereue.

    Mein Kommentar auf Twitter,

    Die größte Angst der Deutschen scheint immer zu sein, dass die Russen einmarschieren. Jetzt auch bei

    wurde von den Tatsachen überholt. Und er war von Anfang an ein unangemessener Schnellschuss.

    Mein Eindruck, dass in Deutschland Russland in aller Regel durch eine Zerrbrille gesehen wird und zugleich Deutschland und die EU durch einen Zerrspiegel, bleibt bestehen. Beispielsweise sei in Russland alles Handeln von finsteren Interessen gesteuert, während Deutschland stets die Menschenrechte im Blick habe. Die Russen, inklusive jener auf der Krim würden pausenlos vom russischen Fernsehen verblödet, während wir in Deutschland von allem ein objektives Bild hätten. Und dementsprechend werden Mutmaßungen über Vorgänge in der Ukraine nach meinem Eindruck gern als Fakten dargestellt, wenn sie dem hiesigen Ukraine-Bild entsprechen.

    Diese meine Eindrücke widersprechen nicht der Einschätzung, dass sowohl Janukowitsch als auch Putin, zurückhaltend formuliert, ziemlich unangenehme Menschen sind und die Absetzung von Janukowitsch eine notwendige Bedingung für eine demokratische Zukunft der Ukraine war. Sie widersprechen auch nicht den Einschätzungen, dass bspw. die Menschenrechte in der russischen Politik, naja, nicht gerade im Vordergrund stehen oder dass das russische Staatsfernsehen die Russen auf der Krim einseitig informiert.

    Vor allem aber widersprechen sie nicht der Einschätzung, dass mein oben zitierter Tweet unangemessen war. Seiner Twitter-Timeline nach zu urteilen, beschäftigt sich André Kühnlenz etwa drölf dutzend mal mehr mit der Ukraine als ich (und hat auch Verwandtschaft vor Ort). Ich habe Bias unterstellt, wo Hintergrundwissen vorhanden war. Das tut mir leid.

    Um das klar zu stellen: Ein Krieg ist wohl das Schlimmste, was jetzt passieren kann. Das muss verhindert werden. An der Stelle habe ich selbst eine verzerrte Wahrnehmung: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Russland, die EU oder die USA die Situation dermaßen eskalieren lassen würden. Aber manchmal muss man das Schlimmste in Betracht ziehen.

    P.S.: Die gestrige Günther-Jauch-Sendung über die Situation in der Ukraine war eine der Informativsten seit langem, vielleicht gerade weil man sie wie folgt zusammenfassen kann: “Eine Diskussion war das nicht, aber jeder Zuschauer konnte sich in einer Stunde noch mal auf einen halbwegs sinnvollen Stand an Grundwissen bringen lassen, sogar ein oder zwei neue Gedanken waren dabei.”

     
  4. I took a speed reading course and read War and Peace in twenty minutes. It involves Russia.
    — Possibly by Woody Allen, but see here.
     
  5. Warum sinkt der Reallohn? Framing von Saldo-Entwicklungen

    Auf die seltsame Berichterstattung zu Griechenland hatte ich schon hingewiesen: Anstatt zu sagen, die Importe brechen ein, wird interpretiert, dass der Außenhandelsüberschuss “vor allem dank des florierenden Tourismus” (so jetzt die Formulierung von tagesschau.de) entstanden ist.

    Solche Interpretationsspielräume gibt es immer, wenn sich eine Saldogröße verändert. Interessant ist beim Außenhandelsüberschuss, dass über den Importrückgang in den Artikeln durchaus berichtet wird, aber in der Betonung in Überschriften etc. keine Rolle spielt. Es handelt sich um ein Beispiel für Framing.

    Ein weiteres Beispiel für ein solches Framing gibt es bei der Lohnentwicklung. Bei zeit.de heißt die Überschrift: “Inflation drückt Löhne”, der erste Satz des Artikels: “Die Inflation hat die Einkommenssteigerungen im vergangenen Jahr aufgefressen.” Viele Leser werden nun eine normale Lohnentwicklung erwarten und eine massive Inflation, die die Lohnsteigerung aufgefressen hat.

    Der nächste Satz jedoch heißt: “Die Löhne stiegen den Angaben zufolge nominal um lediglich 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr - die Verbraucherpreise kletterten aber um 1,5 Prozent.” Also lag die Inflation in Deutschland deutlich unter 2 Prozent. Im zweiten Absatz findet man eine Erklärung für die geringe Nominallohnsteigerung: “Eine Ursache für den Reallohnverlust im vergangenen Jahr sei der Rückgang der häufig erfolgsabhängigen Sonderzahlungen gewesen, teilten die Statistiker mit.”

    Besonders interessant am Reallohnframing in Richtung Inflation ist: In der Pressemitteilung des statistischen Bundesamtes (auf die zeit.de auch verlinkt) findet sich nichts davon. Die Überschrift erklärt schlicht: die Reallöhne sind gesunken.